Space

Laboratory of Contested Space

Im Rahmen der Ausstellung John Heartfield – Fotografie plus Dynamit setzt sich das Laboratorium mit Digitalität, Post-Truth und Geschichtsschreibung, künstlerischen Strategien gegen rechte Propaganda und Misinformation auseinander. Impulse-Lectures und künstlerische Beiträge in Form von Videos von: Tatiana Bazzichelli, Göksu Kunak a.k.a. Gucci Chunk, Lynn Takeo Musiol, Luiza Prado, Mykola Ridnyi, Cemile Sahin, Eva Tepest, Christian Tschirner, Voin de Voin.

Intro

„Glaube an die Wahrheit. Die Fakten preiszugeben heißt, die Freiheit preiszugeben. Wenn nichts wahr ist, dann kann niemand die Macht kritisieren, denn es gibt keine Grundlage, von der aus man Kritik üben könnte. Wenn nichts wahr ist, dann ist alles Spektakel. Die dickste Geldbörse zahlt für die blendendsten Lichter.“(Timothy Snyder)

 

Fake News und Desinformationskampagnen sind historisch kein neues Phänomen. Der Künstler John Heartfield (1891–1968) kämpfte zeitlebens gegen Misinformation und Propaganda, Militarismus, Krieg und Faschismus. Mit seinen politischen Fotomontagen, veröffentlicht in der kommunistischen Arbeiter – Illustrierte – Zeitung (A – I – Z), wurde er zu einem der größten Gegner der Nationalsozialisten.

Mit der Digitalisierung aber stehen Technologien zur Verfügung, die sie schneller und gezielter verbreiten können als je zuvor. Im sogenannten postfaktischen Zeitalter verwischen  die Grenzen von Wahrheit und Fake, gezielte politische Strategien nutzen „alternative Fakten“ oder leugnen wissenschaftliche Erkenntnisse. Inzwischen sind Demokratien überall auf der Welt davon betroffen. Als aufklärerisches Moment stehen demgegenüber Akte des Truthtellings, Whistleblowings und Leakings, die herrschende Widersprüche, Falschinformationen und -verhalten aufdecken.

Vor dem Hintergrund der weltweit erstarkten Rechten und gesellschaftlich umkämpfter (Deutungs-)Räume setzt sich das Laboratorium mit Digitalität, Post-Truth und Geschichtsschreibung sowie aktuellen künstlerischen Strategien gegen rechte Propaganda und Misinformation auseinander. Es wird untersucht, inwiefern diese in künstlerischen Kontexten dekonstruiert oder aufgedeckt werden können. Verfolgt wird ein interdisziplinärer und intersektionaler Diskussionsansatz.

Mit der Covid-19-Krise erhält der Themenkomplex neue Bedeutung: Die Pandemie provoziert auf der einen Seite Verschwörungstheorien, Fake News zirkulieren, die „Wirklichkeit“ zerfällt in der Isolation. Auf der anderen Seite verstärkt und legitimiert das politische Krisenmanagement den Einsatz digitaler Technologien zur Überwachung von Mensch und Körper, seiner Bewegung und Viruslast. Ausnahmezustand und Notstandsgesetze werden zur Machtsicherung und Zerstörung des Rechtsstaats missbraucht. Gleichzeitig zeigt und befördert die Covid-19-Krise Rassismen und gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung, soziale wie globale Ungleichheiten und die besondere Betroffenheit marginalisierter Gruppen.

Das Laboratory of Contested Space wurde im Rahmen des Programms zur Ausstellung John Heartfield – Fotografie plus Dynamit der Akademie der Künste initiiert. Ursprünglich als öffentliche Veranstaltung in der Akademie am Pariser Platz mit szenischen Lesungen, Performances und einem Panel geplant, findet das Laboratory of Contested Space ausschließlich online statt: Die Teilnehmer*innen präsentieren Impulse-Lectures und künstlerische Beiträge in Form von Videos, die sie größtenteils während der Quarantäne produziert haben. Rezipient*innen sind eingeladen sich mit dem Themenkomplex über unterschiedliche politische Debatten, Ereignisse genauso wie persönliche Geschichten auseinanderzusetzen. Das Laboratorium ist ein Format der Recherche und des Austauschs mit offenem Ausgang.

Mit Beiträgen von: Tatiana Bazzichelli (Künstlerische Leiterin Disruption Network Lab, Berlin), Göksu Kunak a.k.a. Gucci Chunk (Autor*in, Performancekünstler*in), Lynn Takeo Musiol (Dramaturg*in, Autor*in, Stipendiat*in AdK), Luiza Prado (Künstlerin), Mykola Ridnyi (Künstler, Stipendiat AdK), Cemile Sahin (Künstlerin, Stipendiatin AdK), Eva Tepest (Autorin, Journalistin), Christian Tschirner (Leitender Dramaturg, Schaubühne), Voin de Voin (Künstler).

Das Laboratorium ist kuratiert von Lynn Takeo Musiol und der JUNGEN AKADEMIE (Clara Herrmann / Leitung & Luise Pilz).

Gefeatured auf ARTS OF THE WORKING CLASS.

 

Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) fördert das Veranstaltungsprogramm zur Ausstellung, in dessen Rahmen dieses digitale Angebot entstanden ist.

„Shadow Landscapes“

Luiza Prado de O. Martins

Shadow Landscapes, 2020; © Luiza Prado de O. Martins

Dieser GIF-Essay – ein hybrides Animations- und Textformat, das die Künstlerin seit 2018 entwickelt – navigiert uns mit dem Blick durch eine antikoloniale und feministische Linse durch die Auswirkungen der COVID-19-Krise in Brasilien – und beschäftigt sich mit den Konsequenzen, die daraus für die Menschen vor Ort entstehen. Der Essay diskutiert die eugenische Politik des neofaschistischen Bolsonaro-Regimes und skizziert dessen Verstrickungen mit dem Einsatz von Biopower als einem grundlegenden Aspekt der Kolonialität. Auf einer nichtlinearen Zeitachse untersucht die Arbeit die zeitlichen Prozesse, die auf die gegenwärtige Situation „einstürzen“, und diskutiert die zentrale Rolle der weißen Vorherrschaft bei der Herausbildung der heutigen Nationalstaaten in Lateinamerika; kapitalistische Vorstellungen von Produktivität und Körper, die auf die Besitzsklaverei der kolonialen Wirtschaft zurückgehen, und das Zusammenspiel zwischen antikolonialen Futuritäten und der Resistenz gegenüber Krankheitserregern werden ebenfalls thematisiert.

 

Leseliste

Silvia Federici, Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation, 2017, Mandelbaum Verlag.

Michelle Murphy, Seizing the Means of Reproduction: Entanglements of Feminism, Health, and Technoscience, 2012, Duke University Press Books.

Dr. Luiza Prado de O. Martins ist Künstlerin und Wissenschaftlerin, deren Arbeit sich mit Technologie und Empfängnisverhütungsmethoden und deren Verstrickung mit kolonialen Hierarchien von Geschlecht, Rasse, Ethnie, Klasse und Nationalität befasst. Ihr aktuelles künstlerisches Forschungsprojekt A Topography of Excesses untersucht die Weitergabe von indigenem und volkstümlichen Wissen zu kräutermedizinischen Praktiken und Reproduktion als dekolonisierende Formen radikaler Fürsorge.

Truth as a Construction

Tatiana Bazzichelli

Truth as a Construction – Whistleblowing as Art, 2020; © Tatiana Bazzichelli / Disruption Network Lab

Die Rolle des Künstlers war oft entscheidend, wenn es darum ging, das Konstrukt um den Wahrheitsbegriff in Zeiten der Unterdrückung und darüber hinaus zu enthüllen. In den 1980er und 1990er Jahren zeigten Underground-Kunst-Netzwerke wie der Neoismus und das Luther-Blissett-Projekt, dass die Wahrheit ein Material ist, das sich formen lässt, je nachdem, wessen Narrativ dominiert. Die verschiedenen „Identitätspraktiken“ derer, die unter dem Sammelbegriff Luther Blissett auftraten, deckten das Versagen der Medienberichterstattung auf und machten sich die Tatsache zunutze, dass im Mainstream-Journalismus die Fakten oft nicht gründlich genug geprüft und Quellen nicht ausreichend hinterfragt werden. Sie schufen eine neue Informationsebene; dabei nutzen sie Fälschungen und Streiche, um zu zeigen, dass Wahrheit stets nur ein Konstrukt ist. In aktuellen postfaktischen Szenarien werden Fälschungen und Fehlinformationstechniken von rechten Propagandakanälen genutzt, um ihre eigene Informationsagenda zu etablieren und damit die Arbeit der Mainstream-Medien zu delegitimieren. Ihre Form der Delegitimierung von Machtmechanismen beruht jedoch auf der Erzeugung von Chaos, um so eine andere Form der Macht aufzubauen, die insofern destruktiv ist, als sie auf die anfälligen Segmente der Gesellschaft abzielt. Künstler*innen müssen in eine solch disruptive Rückkopplungsschleife eingreifen, um aufzuklären und Bewusstsein zu schaffen – um den Kreislauf zu durchbrechen, analysieren Künstler*innen, wie Information funktioniert und Wahrheit produziert wird. Der Schlüssel liegt in der Dekonstruktion von Information als künstlerischer Praxis, im Aufspüren der Quellen, in der (Bewusstseins-)Bildung, indem aufgezeigt wird, dass Informationen immer eine spezifische, voreingenommene Sicht der Realität liefern. In diesem Aufruf zum künstlerischen Handeln trifft die Arbeit von Künstler*innen auf die Arbeit von Whistleblowern, von Menschen, die Verfehlungen und Fehlverhalten der Mächtigen durch Akte des Truthtelling entlarven. Beim Whistleblowing wird die Wahrheit – durch das Hinterfragen von Quellen, versteckten Daten und Dokumenten – dekonstruiert, um Machtmissbrauch anzuprangern. In der Kunst des Whistleblowing wird Information zum Anlass aufzuzeigen, wie Macht funktioniert, wie sie konstruiert ist und welche systemischen Strukturen dahinter stehen.

 

Leseliste

Tatiana Bazzichelli, Networked Disruption: Rethinking Oppositions in Art, Hacktivism and the Business of Social Networking, 2013, DARC PRESS – Aarhus University, Denmark.

Tatiana Bazzichelli, Networking. La rete come arte, 2006, Costa & Nolan; auf Englisch: Networking, The Net as Artwork, 2008, Digital Aesthetics Research Center, Aarhus University.

Stewart Home, Florian Cramer, The House of Nine Squares. Letters on Neoism, Psychogeography and Epistemological Trepidation, 1997, Invisible Books.

Monty Cantsin (ed.), Neoism Now!, 1987, Artcore Editions.

Luther Blissett, Totò, Peppino e la guerra psichica. Materiali dal Luther Blissett Project, 1996, AAA Edizioni.

Tatjana Bazzichelli ist Gründerin und künstlerische Leiterin des Disruption Network Lab, Berlin; sie leitet u. a. das Konferenzprogramm, das seit 2015 im Kunstquartier Bethanien in Berlin und an anderen Orten stattfindet. Sie wurde von der Bundesregierung und dem Land Berlin zum Jurymitglied für den Hauptstadtkulturfonds 2019–2020 ernannt. Zuvor war sie Programm- und Konferenzkuratorin beim transmediale art and digital culture festival, wo sie das ganzjährige Projekt reSource transmedial culture Berlin leitete. Bazzichellis Arbeit bei der transmediale stand im Mittelpunkt ihrer Postdoc-Forschungsarbeit 2012–2014 am Zentrum für Digitale Kulturen der Leuphana Universität Lüneburg. Sie promovierte 2011 in Informations- und Medienstudien an der Philosophischen Fakultät der Universität Aarhus. Ihre Dissertation Networked Disruption: Rethinking Oppositions in Art, Hacktivism and the Business of Social Networking (DARC Press – Aarhus University, Denmark, 2013) war das Ergebnis ihres Gaststipendiums am H-STAR Institute der Stanford University im Jahr 2009. 

„Awake!“

Göksu Kunak a.k.a. Gucci Chunk

Awake!, 2020; © Göksu Kunak a.k.a. Gucci Chunk

Göksu Kunaks Interesse gilt queeren Methodologien (insbesondere der Chronopolitik) und hybriden Texten, die sich mit der/den performativen Sprache(n) zeitgenössischer Lebensstile befassen. In einer Welt, in der Expert*innen auf verlorenem Posten sind, verschiebt sich unsere Realität so schnell, wie ein Daumen nach unten scrollt. Awake! ist eine Reflexion über diese fragmentierte Geschwindigkeit; über Fragen von Überwachung, Wahrheit und Vertrauen. Im Text erwarten uns – im Format und mit der Hybridität einer TV-/Radio-Show – Auszüge aus halbfiktionalen Interviews mit dem KI-Roboter Sophia über Diversität in der Unternehmenskultur und mehrere Werbespots für Objekte und Handlungen, die den Körper kontrollieren. Hinzu kommen Anregungen aus Magazinen der Zeugen Jehovas, die sich auf die postfaktische Kultur konzentrieren, um uns zu Gott zu führen, sowie Überlegungen zur Körperpolitik, etwa die orientalistische Bildsprache – zum Beispiel das Odaliskenbild im westlichen Kanon – oder die pharmokopornografische (Preciado) Ära, die über verschiedene Methoden der Machtstrukturen nachsinnen.

Lecture (PDF)

 

Leseliste

Elizabeth Freeman, Time Binds: Queer Temporalities, Queer Histories, 2010, Duke University Press.

Paul B. Preciado, Testo Junkie: Sex, Drogen und Bioploitik in der Ära der Pharmapornografie, 2016 auf Deutsch, b-books.

Fred Moten, Stefano Harney, The Undercommons: The Fugitive Planning & Black Study, 2016, Minor Compositions.

Donna Haraway, Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene, 2016, Duke University Press.

Ahmet Hamdi Tanpınar, The Time Regulation Institute, 1961, in English 2001, Turko-Tatar Press.

Michelle M. Wright, Physics of Blackness: Beyond the Middle Passage Epistemology, 2015, University of Minnesota Press.

*1985 in Ankara

Göksu Kunak a.k.a. Gucci Chunk ist Schriftstellerin, Performerin und Performance-Macherin aus Berlin. Sie führte ihre textbasierten Performances auf bei: The Parliament of Bodies, kuratiert von Paul B. Preciado und Viktor Neumann im Rahmen der Bergen Assembly 2019; KW Institute for Contemporary Art Pogo Bar, Centre d’Art Contemporain Geneve CAMP, HAU Berlin City Lights, Bâtard Brussels 2016, Lesereihe Broken Dimanche Press im Tropez Berlin, Pioneer Works NYC, kuratiert von Belladonna* Collaborative, 3. 2019 und 2. <Interrupted =“Cyfem and Queer>, kuratiert von Creamcake (HAU Berlin), 1a Space Hong Kong im Rahmen der Ausstellung Hactivate Yourself, TABLOID PRESS Readings und Montez Press Radio, New York City.

Ihr erstes Buch #225 I thought this would erschien 2018 bei Belladonna* Collaborative. Ihre Texte und Gedichte sind in dem vom Bayerischen Staatsballett in Auftrag gegebenen Buch Portrait Wayne McGregor, auf der offiziellen Seite von The Absence of Paths, dem offiziellen tunesischen Pavillon der 57. Biennale von Venedig und auf dem Blog The History of Painting Revisited in Zusammenarbeit mit der Deutsche Bank Kunsthalle für die Fahrelnissa Zeid-Retrospektive erschienen.

Presence as Future Shock

Lynn Takeo Musiol & Eva Tepest

Presence as Future Shock: Public Morality and Queer Ethics in a Time of Pandemic, 2020; © Lynn Takeo Musiol & Eva Tepest

„I may be very sick just a few days from now and I may have infected others. My body might have caught the coronavirus in the past, making my future and those around me uncertain.“
(Iris van der Tuin)

Die Coronakrise konfrontiert unsere Gesellschaft mit einem nicht-linearen Verständnis von Zeitlichkeit und der Notwendigkeit, individuelle Freiheit vor dem Hintergrund der Sicherheit aller zu denken. Diese Individualisierung der Verantwortung stellt viele vor die Herausforderung, als selbstverständlich erachtete Privilegien in ein großflächig wirksames Netz von Solidarität zu überführen. Zugleich bedeutet diese Verschiebung für queere Minderheiten eine Krise im doppelten Sinne: Wenn Kontaktbeschränkungen am Sozialmaß der bürgerliche Kleinfamilie gemessen werden, erodieren bislang gelebte solidarische Praktiken alternativer Lebensmodelle. Um diesem Widerspruch einer Gegenwart ohne Gegenwehr, einer truth without physical attachment vorzubeugen, plädieren wir für eine queere Ethik der intimen Nachsicht und politischen Radikalität. Konkret werfen wir den Blick auf exemplarische künstlerische Strategien aus dem ACT UP-Umfeld.

Lecture (PDF)

 

Leseliste

Lauren Berlant, Cruel Optimism, 2011, Duke University Press.

Rebecca Makkai, Die Optimisten, 2020, Eisele Verlag.

Iris Van der Tuin, “Past-Present-Future and the 2019-20 Coronavirus Pandemic,” Identities Journal, LOCKDOWN THEORY #14.

 

Eva und Lynn Takeo schreiben zusammen Prosa, Essay und Kritik u. a. für tazGlitterDirty Debütmetamorphosen und den Theatertreffen-Blog der Berliner Festspiele. Sie arbeiten an einem Roman.

*1990 in Leverkusen, lebt in Berlin und Hamburg

Lynn Takeo Muisol hat ein Studium der Soziologie, Medienwissenschaften und Internationalen Kriminologie in Hamburg, Amman und Budapest absolviert. Forschungsaufenthalte in Ungarn, Israel, Jordanien und der Türkei. Seit 2017 im Bereich Theater aktiv. Assistenzen am Schauspielhaus Hamburg, den Salzburger Festspielen und dem Maxim-Gorki-Theater Berlin.

Berlin-Stipendium

Mehr über Lynn Takeo Musiol

Eva Tepest ist Autorin und Journalistin. Sie schreibt regelmäßig die taz, den Tagesspiegel und das Missy Magazine über Kultur und Medien, Queerness, Feminismus und den arabischen Raum.

„car, road, mountain“

Cemile Sahin

Cemile Sahin, car, road, mountain, 2020, Videostill

Cemile Sahin, car, road, mountain, 2020, Videostill

Im türkischen Fernsehen gehören Aufnahmen von Bergen, in denen sich angeblich Terroristen verstecken, zur alltäglichen Berichterstattung. Diese Bilder dienen letztlich der innenpolitischen Stabilisierung durch einen scheinbar äußeren Feind. Dies wird in Sahins Videoarbeit, aus Nachrichtenbildern montiert, und der darin angewandte Schnitttechnik konterkariert. Das Bergmotiv ist zu einem absurden und geradezu komödiantischen Teil der Alltags- und Unterhaltungskultur in der Türkei geworden.

car, road, mountain ist Teil einer Installation, die im Rahmen der Ausstellung des ars-viva-Preises 2020 im Kunstverein in Hamburg zu sehen ist. Die Installation besteht aus aus Fotografien, einer Videoarbeit, einem Werbebanner und zwei Flugzeugrutschen. Sie verweisen auf Nachrichtenbilder und ihre Manipulierbarkeit. Die neun Fotografien zeigen verschiedene Personen, die auf dem Berg Ardahan in der Türkei vor dem vermeintlichen Schatten Atatürks posieren. Es ist der Berg selbst, der dieses Schattenspiel bei einer bestimmten Sonneneinstrahlung hervorruft und dadurch zum Pilgerort geworden ist. Die Flugzeugrutschen werden im Ausstellungsraum selbst zu Bergen und verbinden die einzelnen Elemente der Installation. (Bettina Steinbrügge, Direktorin Kunstverein Hamburg)

Cemile Sahin, TAXI, 2019, Korbinian Verlag.

*1990 Wiesbaden, lebt in Berlin

Cemile Sahin ist Künstlerin. Sie studierte Bildende Kunst am Central Saint Martins College of Art and Design in London und an der Universität der Künste in Berlin. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Film, Fotografie, Skulptur, Sound und Text. Ausgangspunkte ihrer Arbeiten sind Bilder oder Geschichten, die sie in ihren multimedialen Installationen neu inszeniert. Dadurch hinterfragt sie die Funktionalisierung von Medien und die Bedeutung verschiedener Perspektiven für die Geschichtsschreibung und geht der Frage nach, wie sich Geschichte und ihre Erzählung verändert, wenn sie über die Narrative verschiedener Perspektiven konstruiert wird. Cemile Sahin ist ars viva 2020 Preisträgerin für Bildende Kunst.

Berlin-Stipendium

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Back to the Future

Christian Tschirner

Back to the Future, 2020; © Christian Tschirner

Ich bin in der DDR aufgewachsen, einer Gesellschaft, die der tschechische Dissident und spätere Staatspräsident Václav Havel als posttotalitär bezeichnet. In seinem Essay „Versuch in Wahrheit zu leben“ von 1978, ein Standardwerk osteuropäischer Dissidenten, untersucht Havel nicht nur das Verhältnis von Macht und Widerstand im real existierenden Sozialismus, er stellt zudem die These auf, dass die osteuropäischen Gesellschaften extreme Ausprägungen der westeuropäischen Konsum- und Industriegesellschaft seien. Mehr noch: Sie enthüllten der technischen Zivilisation des kapitalistischen Westens die eigenen, latenten Richtungstendenzen. Mit der Wahl Donald Trumps und dem weltweiten Aufstieg rechter Populisten gewinnt Havels These überraschend an Gewicht. Ich frage also: Was sagt der Blick zurück in meine sozialistische Jugend über unsere nähere Zukunft aus?

Lecture (PDF)

 

Leseliste

Edward Luttwak, Why Fashism is the Wave of the Future, 1994, London Review of Books.

Myriam Revault d’Allonnes, Brüchige Wahrheit, 2019, Hamburger Editionen.

Video Kritische Theorie „Propaganda“.

*1968 in Lutherstadt-Wittenberg

Christian Tschirner absolvierte eine Ausbildung zum Tierpfleger, später ein Schauspielstudium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Er erhielt ein Engagement als Schauspieler in Frankfurt am Main, wurde dann freier Regisseur und Autor. Seit 2009 ist er Dramaturg, zunächst am Schauspiel Hannover, ab 2013 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Seit der Spielzeit 2019/2020 ist er leitender Dramaturg der Berliner Schaubühne.

„No! No! No!“

Mykola Ridnyi

Mykola Ridnyi, No! No! No!, 2017, Videostill

Mykola Ridnyi, No! No! No!, 2017, Videostill

No! No! No!, 2017; © Mykola Ridnyi

Die Protagonist*innen des Films sind die jungen Menschen von Charkiw, einer Großstadt im Osten der Ukraine. Sie sind Anfang zwanzig, als im Donbass, der Nachbarregion, der Krieg ausbricht. Sie sind weder Soldat*innen, Ärzt*innen noch Freiwillige, sie üben keine Berufe aus, die in erster Linie mit dem Krieg in Verbindung stehen. Sie alle sind Künstler*innen oder arbeiten in der Kreativwirtschaft: eine LGBT-Aktivist*in und Poet*in, ein Model, eine Gruppe von Straßenkünstlern, der Entwickler eines Computerspiels. Wenn es den Anschein hat, als hätten sie sich von den Herausforderungen ihrer Zeit zurückgezogen, so ist dieser Eindruck nur oberflächlich: Was sie neben ihren kreativen Grundsätzen eint, ist das Bedürfnis, Widerstand zu leisten. Eingeschränkt durch den Krieg und das Schwungrad der russischen Propaganda auf der einen und unkontrollierte ukrainische Rechtsradikale auf der anderen Seite, versuchen die Held*innen des Films, emanzipatorische Koordinaten für ein Leben unter den Bedingungen der Zeit abzustecken. Die Figuren reagieren auf und reflektieren politische Ereignisse über ihre jeweils konkrete Beziehung zum städtischen Raum und zur Realität der sozialen Medien.

 

Leseliste

Susan Sontag, Regarding the Pain of the Others, 2003, Farrar, Straus and Giroux.

Andreas Treske, Video Theory: Online Video Aesthetics or the Afterlife of Video, 2015, transcript.

Geert Lovink, Critical Theory of the Internet, 2019, Garage.

*1985 in Charkiw geboren, lebt in Kiew

Mykola Ridnyi schloss 2008 sein Studium an der staatlichen Akademie für Design und Bildende Künste in Charkiw ab. Ridnyi war Gründungsmitglied des in Charkiw ansässigen Künstlerkollektivs SOSka und Mitbegründer der gleichnamigen, von Künstler*innen geführten Galerie. Er verbindet verschiedene künstlerische Aktivitäten; ist Künstler und Filmemacher, Kurator und schreibt über Kunst und Politik. Ortsspezifische Installationen und Experimentalfilme bilden den aktuellen Schwerpunkt seiner Arbeit.

Villa-Serpentara-Stipendium

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„ANNA – Palindrome of Behaviour“

Voin de Voin

ANNA – Palindrome of Behaviour, 2020; © Voin de Voin

Im Rahmen des Laboratory zeige ich eine langjährige künstlerische Forschungsarbeit, die sich mit intergenerationellem Trauma und künstlerischen sowie aktivistischen Strategien gegen faschistische Propaganda befasst und sich in verschiedenen Formaten manifestiert: Die Arbeit ist meiner Großmutter Anna gewidmet. Sie war Schauspielerin und gab ihre Karriere auf, um der damaligen Bauernpartei in Bulgarien, einer Vertreterin der Demokratischen Partei, beizutreten und sich in der Parteiarbeit zu engagieren. Wegen ihrer politischen Ansichten und ihres Aktivismus wurde sie in den 1930er Jahren in Sofia im Gefängnis gefoltert.

Die Lecture-Performance ANNA – Palindrome of Behaviour spricht über das Trauma, das über die DNA von Generation zu Generation weitergegeben wird: die Existenz einer traumatischen Übertragung, nicht nur durch die Weitergabe von Geschichten von Eltern an ihre Kinder über affektive oder unbewusste Signale, sondern auch durch die Einprägung dieser Ereignisse auf der DNA, durch komplexe Mechanismen posttraumatischer Belastungsstörungen. Durch Epigenetik verändert ein Trauma die Gene und beeinflusst das Leben von Familien über Generationen hinweg. Meine Arbeit konzentriert sich auf die „Rückstände“ dieser Prozesse und versucht, diese Auswirkungen aufzudecken, indem ich Geschichten von Einzelpersonen oder Gruppen erzähle. So schaffe ich ein Porträt der Gegenwart – durch eine integrierte performative Praxis, die sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützt, um so ein reflektiertes Ergebnis und radikales Denken zu ermöglichen. Die Methode bestand bislang darin, sich der Dinge ganz bewusst zu sein, umzulenken, zu transformieren, der Erfahrung und dem Nachstellen einer traumatischen kollektiven Anspielung in der Aufführung Raum zu geben – dadurch, dass diese Erfahrung miterlebt und geteilt wird, wird das Trauma überwunden und kann geheilt werden.

 

Leseliste

Michel Foucault, Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II – Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesungen am Collège de France 1978/1979, 2006, suhrkamp taschenbuch.

Moshe Feldenkrais, The Potent Self: A Study of Spontaneity and Compulsion: The Dynamics of the Body and the Mind, 2002, Frog Books.

Alain Badiou, Ist Politik denkbar?, 2010, Merve Verlag Berlin.

Alain Badiou, Die kommunistische Hypothese, 2011, Merve Verlag Berlin.

Bruno Latour, Wir sind nie modern gewesen – Versuch einer symmetrischen Anthropologie, 2008, suhrkamp taschenbuch.

Giorgio Agamben, Idee der Prosa, 2003, suhrkamp taschenbuch.

David Rattray, How I Became One of the Invisible, 1992, The MIT Press.

Patricia Kathleen Robertson, Connect With Your Ancestors: Transforming the Transgenerational Trauma of Your Family Tree: Exploring Systemic Healing, Inherited Emotional Genealogy, Entanglements, Epigenetics and Body Focused Systemic Constellations, 2017, BookBaby.

Mark Wolynn, It Didn’t Start with You: How Inherited Family Trauma Shapes Who We Are and How to End the Cycle, 2017, Penguin Books.

*1978, lebt und arbeitet in Sofia

Voin de Voin hat einen MA von DasArts – Academy of Theatre and Dance, Amsterdam, und ein Diplom von der Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam, dem Goldsmith College, School for New Dance Development, London, und der EICAR – International Film and Television School, Paris. Seit Juli 2016 leitet er einen unabhängigen Kunstraum namens Æther Sofia; seit 2018 arbeitet er mit Marie Civikov an einer Plattform für den Austausch unter dem Titel Æther Haga in den Niederlanden.