Mikro-Essays

Welten verpackt in Tausend Zeichen

Adisa Bašić & Kathrin Schmidt

Die deutsche Schriftstellerin Kathrin Schmidt, Mitglied der Akademie der Künste, Berlin und die Sarajevoer Autorin Adisa Bašić, Stipendiatin der JUNGEN AKADEMIE, trafen sich zu einem besonderen literarischen Gespräch – jede Autorin schlug fünf Begriffe vor, zu denen beide Mikro-Essays schrieben, die Gedichten ähneln.

Adisa Bašić

Wände

Zu meinen lebendigsten Jugenderinnerungen gehören Zimmer in Wohnhäusern, denen eine Explosion die Außenwand weggeschlagen hatte. Oft hingen noch die Vorhänge von der Decke. Der Anblick war geradezu theatral. Zu sehen waren staubige Möbel und das Durcheinander persönlicher Dinge. Mit dieser Erinnerung verbinde ich immer ein Gefühl von Unbehagen und Unanständigkeit, als hätte man jemanden versehentlich nackt angetroffen. Die Detonation hatte einige Haushaltsgegenstände nach draußen geschleudert. Dabei war es auf eine merkwürdige Art verlockend mit anzusehen, wie jemandes Intimsphäre von einem Moment auf den anderen zum öffentlichen Raum wurde – auf dem Rasen lagen auf einmal Bügeleisen, Pfanne und Pyjama. Später waren diese Dinge lange über den Hof verstreut und das Zimmer ohne Wand blieb monate- oder jahrelang nackt, kaputt und den Blicken ausgeliefert.

Eine Wand ist Zuhause, Wärme, Sicherheit. Aber mit Wänden trennt man auch, grenzt ab, isoliert. Kavafis fragt sich in einem seiner Gedichte, wie es passieren konnte, dass unbemerkt rings um ihn dicke Wände gebaut wurden. Mir scheint, dass die Lebenserfahrung heimlich eine Wand um uns baut, die uns von den Menschen trennt. Alles unter dem Vorwand von Sicherheit.

Kindheitsängste

Meine größten Ängste als Kind sind mit der Schule verbunden. Sie war das erste und wichtigste Feld der Affirmation, es der strengen älteren Lehrerin mit den harten Gesichtszügen und dem zarten Bartflaum (als Kind hatte ich den nie bemerkt – erst jetzt, wo ich mir die alten Fotos anschaue, sehe ich ihn) recht zu machen, war lebenswichtig. Das grelle Licht, das durch die orangen Rollläden vor den Schulfenstern fällt, weckt in mir ein Gefühl andauernden Schreckens. Die Angst, dass ich etwas Falsches sage und aus meiner Sicherheit eine schmachvolle Niederlage wird.

Zum ersten Mal war das in der ersten Klasse passiert. Die Lehrerin malte einen Ball, einen Bären und einen Würfel an die Tafel, genau in dieser Reihenfolge. Unsere Aufgabe war es, die Figuren ins Heft abzumalen und unter jede zu schreiben, ob sie sich links, in der Mitte oder rechts befindet. Ich war mir sicher, dass ich das weiß. Mit einem roten Kugelschreiber wurde meine Antwort als falsch durchgestrichen, noch immer schmerzt mich dieses rote, scharf ins Gedächtnis gestochene Gekritzel. Erst später wurde mir das tragische Missverständnis klar. Ich hatte das Bild aus der Perspektive des Bären betrachtet. Noch ganz deutlich erinnere ich mich an meinen Gedankengang: Mit welcher Hand der Bär schreibt, da ist rechts.

Das Gefühl drastischen und tiefen Unverstandenseins ist für mich ein Ort von schlimmerem Schmerz und Angst als jede Prügel, die ich als Kind bezogen habe.

Mutter

Wie viele Bedeutungen in einem Wort, wie viele Schichten: Tyrannin, Heldin, gewöhnliche Frau. Es gibt so viele schlechte Mütter. Und so viele gute. Und zahllose mittelmäßige.

Das Wunder der Geburt ist zugleich alltäglich und heilig. Es ereignet sich ständig und ist immer wieder einzigartig. Im Patriarchat wird die Geburt einerseits in göttliche Sphären erhoben und andererseits abgewertet. Die nationalen Anführer schwören auf die Mütter, die Helden gebären (im Krieg als Kanonenfutter bekannt). Dabei ähneln die Frauenkliniken auf dem Balkan perfiden Folterkammern, wo die Frauen am Eingang mit ihrer persönlichen Kleidung auch ihre Würde ablegen. Bei sperrangelweit geöffneter Tür bekommen sie ein Klistier oder wird eine Abtreibung vorgenommen. An Schmerzmitteln wird gespart. Die Frauen schreien, aber diese Schreie bereiten dem Klinikpersonal kein Unbehagen. Nur manchmal erwachen die abgestumpften Exekutoren zu einem spöttischen Lächeln: Mensch, was brüllst du denn so? Das sagen die Schwestern und die Ärzte, sagen die Männer und wiederholen noch ein bisschen hämischer die Frauen.

Verlust

Bei diesem Wort habe ich immer nur das eine Bild vor Augen: Meine Tante sitzt da und plaudert mit Mama über irgendetwas Belangloses, ich höre Bewegung im Flur und erkenne eher an den Gesichtern der Anwesenden als an ihren Worten, dass etwas Schlimmes passiert ist. Der Sohn meiner Tante ist umgekommen, aber niemand traut sich, es ihr zu sagen – alle warten darauf, dass ihr jüngster Bruder, fast genauso alt wie ihr Sohn, kommt und das macht.

Die Last dieses Wissens ist für mich Dreizehnjährige unerträglich. Die Dissonanz zwischen ihrer momentanen Unbekümmertheit und dem, was kommen wird, lähmt mich. Ich bin die ganze Zeit dabei, aber ich weine nicht, weil mich die Nachricht vom Tod des Familienkolosses, des lachenden und furchtlosen Fikret, des einzigen Kindes meiner Tante, selbst so geschockt hat.

Als meine Tante die Nachricht hört, verwandelt sie sich vor meinen Augen in eine lautlose Implosion von Trauer. Diese ersten Sekunden Stille, bevor das Weinen durchbricht, dieses kurze Schweigen des Zweifels wird für mich immer der Klang des Todes bleiben. Nach diesem Tag wird meine Tante noch fünfundzwanzig Jahre leben, hauptsächlich gegen ihren Willen und wie zur Strafe.

Kein Krieg hat je eine Mutter zum Lächeln gebracht, heißt es in einem Gedicht von Marko Vešović. Jede Rede vom Krieg, seiner Planung und seinem Beginn, muss einzig und allein im Licht des Augenblicks betrachtet werden, wenn den Eltern mitgeteilt wird, dass ihr Kind umgekommen ist.

Liebhaberin

Ein verrufenes Wort, bezeichnet die Zerstörerin von Ehen, eine Frau von ungehemmter Sexualität, dämonische Femme fatale. Im Patriarchat sprechen die Männer mit unverhohlenem Begehren von ihr, die Frauen mit Verachtung, Verurteilung und stillem Neid.

Liebhaberin hat auch eine weitere Bedeutung, jede Frau, die eine Liebesbeziehung hat. Auch eine Ehefrau ist Liebhaberin, selbst wenn ihr Zauber oft genug im Morast des Alltags versackt. Als Mutter vergisst eine Frau am ehesten, dass sie auch Liebhaberin sein kann. Ihr Eros zerfließt in der Liebe zu ihrem Kind, sie schenkt Leben, stillt, gibt Küsschen, wiegt in den Schlaf. Die Bindung zum Kind ist so stark, dass der Partner verblasst und zu einer Randfigur wird.

Die Männer junger Mütter sind einsame und nutzlose Wesen, aber das sagt man besser nicht laut. Sie suchen nach ihrem Platz, erfinden sich eine Rolle, die ihre Überflüssigkeit besiegen könnte. Tag und Nacht kaufen sie Fläschchen, Windeln und Feuchttücher.

Eine Liebhaberin ist eine Frau, die ihr Begehren achtet. Und die die Freude nicht vergessen hat.

Schlamassel

Ein ungelegener Vorfall ist manchmal die Ouvertüre zu einer schönen Bekanntschaft oder wenigstens zu einem kurzen Gefühl von Freiheit. Das Herausspringen aus der Spurrille der Routine, die Misere und das Durcheinander, die all unsere Pläne durchkreuzen, sind gut, weil sie uns zeigen, dass es immer auch eine andere mögliche Umlaufbahn gibt. Sie befreien uns von der geradlinigen Vorhersehbarkeit.

Eine Autopanne, ein abgebrochener Zahn, ein unerwarteter Wolkenbruch. Die ungewöhnliche Situation zwingt uns, blitzschnell zu denken. Für einen Augenblick wachsen wir über uns hinaus. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so lebendig und glücklich gefühlt“, sagte mal ein Bekannter zu mir, als er mir erzählte, wie seine Haustür zuschlug und der Schlüssel von innen im Schloss steckte. „Siehst du“, sagte ich zu ihm, „und manche Menschen brauchen für dieses Gefühl eine Liebhaberin.“

Ein Leben, das für einen Augenblick aus dem Gelenk springt, kann wehtun, ist aber gut und echt, weil es kurz beweist, dass es uns doch gibt.

Hauptstadt

Die Hauptstadt ist für mich eine neurotische Megapolis, die ihre Verschiedenartigkeit nicht bemerkt. Die Hauptstadt sind die Menschen in der Berliner S-Bahn. Eine kleine Asiatin spricht aufgeregt in ihr Handy. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, welche Sprache sie spricht. Sie ist wütend und ich sehe, dass sich in Hörweite ein Familiendrama abspielt, aber ich habe keine Möglichkeit und es wäre auch nicht angemessen, sie darauf anzusprechen. Sie befindet sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel, aber ihre Sprache schafft ihr eine Privatsphäre, einen Raum, in dem sie vor unser aller Augen mit etwas weit Entferntem und Wichtigem beschäftigt ist. Genau so sprechen ein Franzose, eine Afrikanerin und ein Slawe, dessen Sprache ich nicht spreche, aber mit ein bisschen Anstrengung kann ich an seiner Arbeitskleidung und ruhigen Redeweise erkennen, dass er eine kleinere Bauarbeit vereinbart.

Selbst wenn sie nicht telefonieren, sondern nur still vor sich hin dösen, etwas in ihr Handy tippen oder aus dem Fenster in die dichte Dunkelheit blicken, leben die Menschen in der Hauptstadt Millionen Leben, die sich strahlenförmig um dich ausbreiten. Die Hauptstadt ist der Ort, wo du sein möchtest. Wie sehr du dich auch bemühst, in so einer Stadt kannst du nicht zufällig einen Bekannten treffen.

Wegzehrung

„Ihr wollt doch nicht etwa sofort was essen, ihr seid doch keine Čarković“, sagte Mama immer, wenn auf den ersten hundert Kilometern der Reise jemand von uns nach der Wegzehrung fragte. Von dieser unbekannten gefräßigen Familie kenne ich nur die kleine Anekdote, die uns Mama manchmal erzählte: Wenn sie verreist sind, haben die Čarković schon auf dem Bahnhof, bevor sie in den Zug gestiegen sind, ein gebratenes Hühnchen ausgepackt und es genüsslich verspeist, als würden sie picknicken. Mama schämte sich immer ein bisschen für ihre dörfliche Herkunft und die Čarković erinnerten sie an diese schlichte, naive Welt ihrer früheren Heimat.

Wenn sie der Ansicht war, dass wir einen ausreichend langen Teil des Weges zurückgelegt hatten, packte Mama Käse, Wurst und Hörnchen aus und zum Schluss einen Schuhkarton mit Bananen.

Auch heute nehme ich immer eine Wegzehrung mit auf die Reise. Das ist ein Tribut an meine dörflichen Vorfahren, die wissen, dass jeder Aufbruch in eine fremde Welt Ungewissheit und potentielle Gefahr in sich birgt. Was auch passieren mag, es wird erträglicher, wenn man Essen dabeihat. Dann hält man länger durch.

Wenn ich in Gesellschaft reise, warte ich immer, bis andere anfangen zu essen. Wenn ich allein reise, halte ich mich immer lange zurück, um nicht so gefräßig zu sein wie die Čarković. Die Reisen sind heute meist Flugreisen und so kurz, dass ich meine Wegzehrung oft unausgepackt mit ans Ziel bringe.

Schlagloch

Der Weg ist zwar eine schon ziemlich abgenutzte Metapher für das Leben, aber ein Schlagloch bedeutet für mich auch ein unerwartetes Ereignis, das das Leben plötzlich auf den Kopf stellen kann.

Sarajevos Straßen sind voller Schlaglöcher, die von schlecht ausgeführten öffentlichen Arbeiten zeugen. Nichts wird gründlich repariert, damit sich dieselbe Dienstleistung immer wieder neu verkaufen lässt. Beständigkeit hat keinen Wert, die aufgerissenen Straßen erwecken den Anschein irgendeiner Art von Fortschritt. Die Schlaglöcher auf den Hauptstraßen der Stadt werden vor den Wahlen geflickt, wenn dieser Anschein von Fortschritt besonders wichtig ist. Einige Löcher auf wenig befahrenen Parkplätzen und Straßen in den Vororten bleiben jahrzehntelang. Es gibt welche, die da sind, seit ich mich erinnern kann. Ihre unregelmäßigen Formen regen die Phantasie an, vor allem im Frühling und Herbst, wenn sie sich mit dem schmutzig trüben Wasser von der Straße füllen. Anstatt in die Wolken zu blicken, sehe ich in den Schlaglöchern Bären, Klaviere und Einhörner.

Hunger

Ich weiß nichts über den epischen Hunger, den Primo Levi oder Imre Kertesz in ihren Büchern über die KZs beschreiben. Den habe ich nicht erlebt. Aber es reichen wohl ein paar Tage und ausgelassene Mahlzeiten, damit die Glasur unserer Zivilisation abplatzt. Manchmal stelle ich mir auch Menschen, die ich kenne, ausgehungert vor und frage mich, was von unserem Hochmut, Stolz und unserer Würde übrigbliebe.

Der alltägliche Hunger setzt uns in Bewegung, zwingt uns, aus unseren Ecken und Winkeln hervorzukriechen. Wegen des Hungers ziehen wir in die Welt.

Ich erinnere mich an den Sarajevoer Halbhunger des Krieges. Dauerhaft und elegant genug, um Raum für Scham zu lassen – man lehnt ab, wenn einem ein flüchtiger Bekannter etwas zu essen anbietet, ist aber eigentlich jeden Moment bereit, mit dem Essen anzufangen.

Einmal hatte Mama ein ganz kleines Brot gebacken, wir mussten schon sehr an Mehl sparen. Gerade da kamen unsere Freunde mit ihren beiden kleinen Töchtern vorbei. Mama hatte das Brot zum Abkühlen herausgeholt. Niemand hätte es ihr übelgenommen, wenn sie es dann wieder weggelegt hätte, bis die Gäste gegangen sind. Aber dann würde es diese Erinnerung nicht geben, wäre es nur ein weiteres aufgegessenes Brot.

Das warme Brot legte sie an diesem Tag vor uns Halbhungrige, Familie und Gäste, auf den Tisch. Jeder bekam ein kleines Stückchen. Heute, fast dreißig Jahre später, wärmt mich noch immer Mamas Entscheidung, das Brot nicht für später aufzuheben.

Wände

Meine vier Wände stehen synonym für die fünfte: Das Dach über dem Kopf. Wenn ich das eine sage, meine ich das andere – und umgekehrt. Meine vier Mauern hingegen bezeichneten nicht meinen Bau, mein Nest, meinen Rückzugsort. Mauern des Schweigens, des Schreckens, des Grauens sind denkbar, hinter denen ich nicht verweilen möchte. Das Wort Mauer steht für Undurchdringlichkeit und Abschottung, während ich durchs Wort Wand einfach hindurchwehen kann, wenn mir danach ist. Nicht einmal Fenster und Tür bräucht´ ich dafür.

Eine Wand ins Bosnische zu tragen, fällt mir natürlich schwer, denn du musst sie mir abnehmen vor dem Sprachraum, den ich nicht kenne. Du sagst glockenhell zid, und als ich noch eine Mauer anschleppe, bleibst du dabei.

Aus zwei mach eins.

So kann es gehen.

Für den Rücktransport ins Deutsche zid dann aber bitte mit jeweiligem Sinn polstern. Du könntest  auch ein Foto mitgeben, ehe ich dir zid in meine Sprache abnehme und aus eins wieder zwei mache.

Liebhaberin

Die Inhaberin unterscheidet sich von der Liebhaberin zunächst durch die im Wort innehaben transportierte Besitzanzeige.  Wer liebt, sollte den Gegenstand seiner Liebe nicht zu besitzen trachten. Ist klar.

Mir auch?

Ich bin mir da nicht so sicher. Zum Beispiel liebe ich meinen Herzschrittmacher. Weil er in mir ist. Weil ich seine Inhaberin bin. Er hat mich von regelmäßigen Synkopen befreit, die mit Bewusstseinsverlusten einhergingen. Besitze ich ihn? Ich hoffe es sehr. Auch, wenn er noch ein oder zwei Mal in meinem Leben wird ersetzt werden müssen, weil die Batterie sich mit den Jahren entleert. Auch den neuen Herzschrittmacher werde ich wahrscheinlich lieben.

Schwierig.

Meinen Mann liebe ich nicht, weil er in mir ist.

Wenn, dann aber besonders.

Noch schwieriger.

Ich sollte mich als Liebesinhaberin betrachten und die Dinge nehmen, wie sie mir in die Liebe geraten. Oder, mit anderen Worten, mitten ins Leben.

Mutter

Sagt eine Mutter, sie sei für achtzig Prozent ihrer Kinder leider völlig nebensächlich geworden, fehlt die Bezugsgröße schmerzlich. Hat sie nur ein Kind, könnte das übersetzt heißen, dass es ein Fünftel seiner Gedanken an sie verschwendet. Das finde ich gar nicht so wenig.

Mit zunehmender Kinderzahl kann es zu Asymmetrien kommen. Hat sie derer fünf zur Welt gebracht, ist es möglich, dass sie vieren völlig schnuppe geworden ist, während eines ihr weiter zur Gänze den Hof macht. Oder drei denken gar nicht an sie, die beiden anderen je zur Hälfte. Womöglich widmen ihr aber drei je ein Drittel ihrer Denkkraft, während zwei sie vergessen haben. Wer will das schon wissen.

Ich habe fünf Kinder geboren. Gestern sagte ich, achtzig Prozent von ihnen leider völlig nebensächlich geworden zu sein.

Das Wort leider nehme ich hiermit zurück.

Kindheitsängste

Mein Gott, ich habe aber auch eine Angst vor der Kindheit … Es ist schon nicht mehr feierlich, wie ich unter ihrem heißen Brei ständig das Feuer versorge. Damit ich nicht in die Verlegenheit komme, mir das Maul daran zu verbrennen oder die Finger. Ich habe Angst vor den Ängsten. Zum Beispiel vor jener, die mich als Fünfjährige ergriff, da ich nachts von einer Riesenschlange geträumt hatte. Nun lauerte sie im vollkommenen Dunkel neben mir und schien auf irgendetwas zu warten. Wahrscheinlich darauf, dass ich mich bewegte. Die Starre war kaum zu halten und trieb mir den Schweiß aus den Poren. Als ich meine Urgroßmutter im Nebenzimmer hörte, wie sie aufstand, um Kohlen in den Ofen zu legen, sprang ich in kühnem Entschluss aus dem Bett und lief schreiend zu ihr.

Ehe mich eine andere, sehr berühmte Angst, nämlich die vorm schwarzen Mann, hätte erreichen können, sah ich ihn, ebenfalls als Fünfjährige, gemächlich aufs Nachbarhaus zuschlendern. Das war ungewöhnlich in einer thüringischen Mittelstadt Anfang der 60er Jahre. Der Schwarze lüpfte den Hut, grüßte freundlich, als er mich übern Zaun im Garten sah, und betrat das Haus.

Mir stand der Mund offen, weil Afrika offenbar doch nicht so fern war wie gedacht.

Verlust

Verluste sind eingerechnet. Finden immer statt, wenn etwas wächst und gedeiht. Wird ein Mensch größer, verliert er allmählich die Niedlichkeit seines Lebensanfangs. Als Verlust kann auch betrachtet werden, dass er in der kostenpflichtigen Bahnhofstoilette irgendwann nicht mehr unter der Markierung hindurchschlüpfen kann, die ihm freien Eintritt gewährt. Der Mensch erleidet beim Aufwachsen Verluste an Spieltrieb und Spontaneität, was bei einigen zum Glück recht erfolgreich verzögert oder gar ausgesetzt werden kann. Allerdings ist bei diesen Menschen ein Verlust an Bürgerlichkeit sehr wahrscheinlich, sobald sie in dem Alter sind, da man eine solche von ihnen erwartet. Aber auch, wenn etwas sich drosselt und schließlich stirbt, ist von Verlust zu reden. In erster Linie spricht davon, wer dem sich Zurückziehenden zusehen muss. Dabei betrifft der Verlust ihn nur mittelbar, während der sich Zurückziehende ihn unmittelbar erleidet. Das abnehmende Leben hat nämlich nichts gemein mit dem abnehmenden Mond, der sich wieder runden wird.

Schlamassel

Zum ersten Mal hörte ich von ihm aus dem Mund meines Vaters. Ich hockte im Rattankorb am Lenker seines Fahrrades.  Auf einem Ausflug zu zweit hatten wir den kleinen Abhang zu einem Bächlein wohl zu schnell genommen und nicht auf den Grund geachtet. Jedenfalls war die Luft aus dem Vorderreifen, zehn Kilometer von zu Hause entfernt, raus. Das sei ein rechter Schlamassel, meinte er, aber aus jeden Schlamassel könne man etwas lernen. Sprach´s, nahm mich aus dem Korb und reichte mir den Inhalt des Reparaturtäschchens an seinem Fahrradsattel. Er löste den Schlauch aus dem Reifen, pumpte ihn auf und nutzte das Wasser des Bächleins, das Loch aufzustöbern. Kaum hatte er die Stelle gefunden, trocknete er sie, rauhte sie mit einer Art Schleifpapier auf, strich schließlich Klebstoff darüber und setzte einen Flicken auf. Nun hieß es warten, was wir mit dem Sammeln eines Feldblumenstraußes für meine Mutter zubrachten. Später zog er den Schlauch wieder ein, und wir fuhren nach Hause.

Dieses erste Kennenlernen mag dazu beigetragen haben, dass ich ihn, als ich lesen konnte, nie für eine Schlamm-Assel hielt.

Hauptstadt

Tribsees ist ein allenfalls dorfgroßes Kleinstädtchen im Landkreis Vorpommern Rügen, Amt Recknitz-Trebeltal. Auf der pommerschen Seite der Trebel im Mecklenburgisch-Vorpommerschen Grenztal gelegen, scheint es in seinem Widersprüchen zu verdorren. Betritt man es durchs westliche Stadttor, ist das östliche in etwa 750m Entfernung schon zu erkennen. Die alte Innenstadt orientiert sich noch ganz nach der mittelalterlichen Struktur. Europa sorgte dafür, dass Straßen und Gehwege hervorragend saniert sind. Inklusive Beleuchtung. Mitten auf dem Markt gibt es sogar Kunst, zu bewundern oder zu bedauern, je nach Standpunkt.

Die Häuser jedoch bieten in ihrer Mehrzahl ein Bild des Grauens. Die Minderzahl bilden jene, in denen gelebt wird und die darum saniert oder doch zumindest einigermaßen instandgehalten worden sind. Die vielen hingegen, die auf den Abriss warten, dümpeln mit eingefallenen Dächern und Giebeln neben abrissbedingten Brachflächen vor sich hin. Daraus folgt nicht, dass ich die Sehnsucht bin und dass Tribsees meine Hauptstadt ist. Aber:

Ich bin die Sehnsucht.

Tribsees ist meine Hauptstadt.

Wegzehrung

Spricht man alle Vokale kurz, wird Wegzehrung zur Wegzerrung. Wenn man irgendwo weggezerrt wird, ist das meist eine Sekundensache und keine Unternehmung, die sich eine Weile hinziehen wird. Die Wegzerrung lebt vom Überraschungsmoment. Wegzehrung hingegen ist meist gut geplant und wird in einem Rucksack, einer Tasche oder einem Körbchen befördert. Früher bestand sie aus Eiern, Butterbrot und Apfel in einer stabilen Dose,  dazu eine Blech- oder Plastikflasche mit Kräutertee. Heute sind es oft Schokoriegel, Snacksalami, teure belegte Baguettes und Softdrinks in Büchsen.

Ist das Überraschungsmoment beim Weggezerrten vorüber, wird er sich sammeln und eventuell zur Gegenaktion aufraffen. Er kann zum Beispiel, so er einen trägt, seinen Rucksack mit Wegzehrung  vor den Bauch schnallen und sich rücksichtslos auf jenen Platz zurückkämpfen, von dem er weggezerrt wurde. Brotdose und Teeflasche dürfte das nichts ausmachen, während Schokoriegel und  Baguettes womöglich Federn lassen müssten. Jeder mag für sich entscheiden, welche Art von Wegzehrung im Falle der Wegzerrung besser geeignet ist.

Schlagloch

Während eines längeren Stipendienaufenthaltes im märkischen Rheinsberg vor drei Jahren kam es vor, dass ich nach Berlin fuhr. Mann krank, Kind im Schlamassel, Sehnsucht. Auf der genau 104 Kilometer langen Strecke, die ich mit dem Auto bewältigte, geriet ich gleich beim ersten Mal in ein Schlagloch. Es befand sich zwischen den Dörfern Sonnenberg und Schönermark, hinter der markanten Linkskurve. Ich schrie auf, fuhr aber weiter, denn nicht nur vor, sondern auch hinter mir drängelten die Wagen. Zu Hause war das längst vergessen, aber beim folgenden Mal passierte es wieder, so dass ich mir vornahm, demnächst besser aufzupassen. Das gelang nicht: Als eine Woche später die Linkskurve hinter Sonnenberg  vor mir lag, schlug mein Herz zwar sehr laut, bis in die Ohren hinauf, ich fuhr langsam, achtete auf den Fahrbahnbelag, um im letzten Moment ausweichen zu können – doch rumste ich wieder hinein. Undsoweiter. Undsofort. Nie habe ich den Straßenschaden im Voraus entdeckt.

Kann es sein, dass das Schlagloch nur die Höhle bezeichnete, in der mein Herz schlug? Und darauf pochte, es nicht zu vergessen? Das fragte ich mich, als ich vor kurzem die Strecke nach langer Zeit wieder einmal passierte – und nichts geschah.

Hunger

Da der deutsche Hunger auf dem Weg ins Englische lediglich sein Initial schrumpft, seine Gestalt ansonsten aber nicht verändert, während das sozusagen deutsche Ungarn zu Hungary wird, ist hunger in Hungary ein Beispiel für alliterativen Umgang mit Sprache beim Wegschleppen in die relative Fremde.

Hunger in Hungary wird am Satzanfang sogar noch besser, aber nicht im wörtlichen Sinne, denn hunger in Hungary ist ja nichts per se Schönes. Weder in Budapest noch im Thermalbad von Eger begegnete ich ihm. Gott sei´s gedankt. Dafür begegnete ich in Ungarn ungarischen Roma. Dachte ich jedenfalls. Auch sie waren nicht gerade hungrig, bestanden aber darauf, Zigeuner zu sein. Sie nannten den Gebrauch des Wortes scheinheilig, da sie sich selbst niemals „Roma“ genannt haben. Dieses Wort sei auch nur so gut oder so schlecht, wie man sie eben behandle. Der deutsche Hunger, Zigeuner nicht Zigeuner zu nennen, lag mir im Magen und machte, dass sich der Kopf oben öffnete, um Schweres hinaus und hinein zu lassen. Es gibt also Kopfhunger und Bauchhunger? Bauchhunger in Ungarn ist denkbar, aber nicht wahrscheinlicher als im restlichen Europa. Zumindest daran wird sich hoffentlich  nichts ändern, auch wenn Großbritannien nun ausschert. Kopfhunger aber kann sehr vielgestaltig und manchmal aufgesetzt sein. Wie hunger in Hungary.

*1979 in Sarajevo, lebt in Sarajevo

Adisa Bašić hat bislang vier Lyrikbände und ein Buch mit Prosa veröffentlicht. Unterrichtet an der philosophischen Fakultät in Sarajevo Lyrik und Kreatives Schreiben. Ihr Buch Promotivni spot za moju domovinu (2011) wurde mit dem internationalen Preis Bank Austria Literaris ausgezeichnet und ins Deutsche übersetzt [Ein Werbespot für meine Heimat].

Berlin-Stipendium

Mehr über Adisa Bašić

Kathrin Schmidt

*1958 in Gotha, lebt in Berlin

Schriftstellerin (Prosa, Lyrik), Sozialpsychologin

Beirat JUNGE AKADEMIE

Seit 2015 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin, Sektion Literatur